Autobahnraststätte

Grenoble

Wilson wohnte in der Nähe der Autobahn. Eine unbedeutende Nebenstrecke, mautpflichtig und wenig Verkehr. Das brachte etwas Grundrauschen, wie am Meer. Wilson hörte selten etwas von der Autobahn, vergaß sie meist völlig.

Es sollte eine Messerstecherei auf der Autobahnraststätte gegeben haben. Wilson hielt das für unwahrscheinlich, schließlich sind Autobahnraststätten Orte, die man zügig wieder verlassen möchte.

Schlechtes, teures Essen, Benzin zu Apothekenpreisen und für die Toiletten muss man extra bezahlen. Dafür bekommt man obendrein noch einen Verzehrbon ausgedruckt, der nur weitere Ausgaben, z. B. für einen Cappuccino, nach sich zieht.

Das Unternehmen, welches die Raststätten landesweit übernommen hatte, verpflichtete sich alle Raststätten 20 Jahre lang offen zu halten, eben auch die weniger lukrativen. Die Raststätte vor Wilsons Haustür gehörte sicher nicht zu den Perlen des Deals. Die neuen Betreiber schlossen die Raststätte auf der gegenüberliegenden Seite und bauten eine Fußgängerbrücke über die Autobahn. So hielten Sie den Standort mit minimalem Einsatz offen. Eigentlich waren Sie verpflichtet einen barrierefreien Zugang zu ermöglichen, aber Gehbehinderte konnten die Brücke nicht bewältigen, mussten die Brezel an der nächsten Ausfahrt machen und auf der Gegenseite zurückfahren, wenn Sie die Station erreichen wollten.

Das Gebäude auf der Gegenseite stand nun leer. Wilson dachte darüber nach, dort ein Outlet zu eröffnen, aber die Behörden hätten nur einen Tankstellenbetrieb genehmigt. Raststätte ging nicht, wegen des Exklusivrechts des anderen Betreibers.

Wilson konnte über einen Wirtschaftsweg die Autobahnraststätte erreichen, eine Abkürzung. Die Autobahn ließ sich eigentlich auch von dort befahren, würde ihm aber die volle Maut plus Strafe kosten, da er kein Einfahrtticket hätte vorweisen können. Wilson wollte den Tankwart fragen, was es mit der Messerstecherei auf sich hatte. Er musste sowieso tanken, dann eben das überteuerte Autobahnbenzin.

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Die Lage in der Lagune

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„Die Christbaumkugeln stammen von der kleinen Insel Sant’ Ariano“, erklärt Hopo Manoush, „gelegen in der Lagune von Venedig. Flavio Poli persönlich entwarf die mundgeblasenen Kristallkugeln exklusiv für meine Familie. Aus Dank dafür, dass ich 1981, auf dem Höhepunkt der Fischereikrise, Außenbordmotoren für die ‚Pesca Cooperativa Isola Sant`Ariano‘ spendete.“
Später, als die nationale Umweltbehörde die Standards für die Gewässerreinhaltung in der Lagune verschärfte, stand die Kooperative wieder vor dem Aus. Der verrostete Dieseltank am Hafen, der noch mit einer Handpumpe betrieben wurde, musste durch eine moderne Anlage ersetzt werden, die den Umweltauflagen des ‚Ministero per i Beni Culturali e Ambientali‘ entsprach. Zusammen mit den lokalen Brennstoffhändlern gelang es Manoush, ein modernes Tankschiff ‚petroliera acque poco profonde‘ zu entwickeln, welches in den seichten Gewässern der Lagune operierte und als mobile Tankstelle eingesetzt werden konnte.
Um den Absatz der Kooperative zu entwickeln, stellte Manoush vor einigen Jahren den Kontakt zu den jungen Designern vom ‚Slowdown Design Shop‘ in Bergamo her. Ergebnis war ‚Ariano’s Fish Overdose‘. „Eine neuartige Verpackung, bei der die Soße erst beim Öffnen der Dose mit dem Fisch in Berührung kommt und so ein differenzierteres Geschmackserlebnis ermöglicht.“
Die Christbaumkugeln sind mit den Familienwappen der Inselfischer bemalt. Als Manoushs dreijähriger Tochter Celerie einmal eine Kugel herunter fiel, wurde diese eigens im Auftrag der Kommune von Sant’ Ariano nachgefertigt und Manoush auf dem Flughafen von Venedig von einem Gemeinderatsmitglied übergeben.

Foto: Lucie Hebel

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Welcome

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Manche Blogs haben all das Glück.

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Nicht die Bohne

Sie übernachteten in einem kleinen Zeltlager unweit der Plantage. Mittags wenn die Touristen kamen, hatten sie ihren Infotisch längst aufgebaut. Sie erklärten den Leuten, dass die Kaffeebohne, botanisch gesehen gar keine Bohne ist, sondern ein Samen. Sie verteilten Flyer über die Arbeitbedingungen vor Ort und informierten über die verschiedenen Kaffee-Siegel. Nette Touristinnen luden sie in Ihr Zelt zum Tee ein.

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Mirinda Orfei

Mirinda Orfei liebte diese Termine. Sie trug ein minziges Oberteil aus Zahnseide. »Uncirque your Life – Entzirkusse dein Leben.« Zuerst erklärte sie dem Publikum, wie sie sich mühsam das Jonglieren abgewöhnte. Später entfremdete sie sich von Ihren Raubkatzen, sie traute sich kaum noch in den Käfig. Die Schnurrbarthaare der Katzen wuchsen immer länger. Den Sturz eines Trapezkünstlers auf Youtube sah sie sich dutzende Male an.

Jahrelang hatte Sie sich als Verkäuferin für Terrakottagefäße durchgeschlagen. Als »Schlangenfrau« quälte sie ihren Körper dutzende Male in die Amphoren hinein, nur um den Absatz anzukurbeln. Das gelang aber nur in den Badeorten an der Küste. Touristen sahen Sie in den Tontöpfen verschwinden und kauften dann mediterran gestaltete Wandfliesen mit Zahlen darauf. »Eine 5 und eine 0, bitte. Haben Sie auch ein kleines “b”«? Unterwegs in einem Lieferwagen auf einer Insel im Mittelmeer.

Ihr damaliger Freund sammelte Prospekte von Sportwagen und stapelte diese zwischen den Strafzetteln auf dem Armaturenbrett. Unvergessen auch Mirandas Projekt: “Die Stadt kommt in den Zirkus” in der Carmargue. Heute steht diese Siedlung leer, sie wird vom französischen Militär für Übungszwecke genutzt.

Fotos: Erich Linkheu

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