Mirinda Orfei

Mirinda Orfei liebte diese Termine. Sie trug ein minziges Oberteil aus Zahnseide. »Uncirque your Life – Entzirkusse dein Leben.« Zuerst erklärte sie dem Publikum, wie sie sich mühsam das Jonglieren abgewöhnte. Später entfremdete sie sich von Ihren Raubkatzen, sie traute sich kaum noch in den Käfig. Die Schnurrbarthaare der Katzen wuchsen immer länger. Den Sturz eines Trapezkünstlers auf Youtube sah sie sich dutzende Male an.

Jahrelang hatte Sie sich als Verkäuferin für Terrakottagefäße durchgeschlagen. Als »Schlangenfrau« quälte sie ihren Körper dutzende Male in die Amphoren hinein, nur um den Absatz anzukurbeln. Das gelang aber nur in den Badeorten an der Küste. Touristen sahen Sie in den Tontöpfen verschwinden und kauften dann mediterran gestaltete Wandfliesen mit Zahlen darauf. »Eine 5 und eine 0, bitte. Haben Sie auch ein kleines “b”«? Unterwegs in einem Lieferwagen auf einer Insel im Mittelmeer.

Ihr damaliger Freund sammelte Prospekte von Sportwagen und stapelte diese zwischen den Strafzetteln auf dem Armaturenbrett. Unvergessen auch Mirandas Projekt: “Die Stadt kommt in den Zirkus” in der Carmargue. Heute steht diese Siedlung leer, sie wird vom französischen Militär für Übungszwecke genutzt.

Fotos: Erich Linkheu

Geschrieben in Erwachsenenbildung | Keine Kommentare

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